Job-News

Sächsische Zeitung
Samstag, 17. Juli 2010


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Birgit Leser erfüllt mit ihrer Agentur Wünsche und hat sich damit selbst beschenkt. Aus der Arbeitslosigkeit heraus hat die Dresdnerin den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und es nicht bereut. Foto: Robert Michael 
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Ob originelle Heiratsanträge, Lebensträume oder lustige Spiele für Kinder – Birgit Leser erfüllt ungewöhnliche Wünsche. Mit der Agentur Dschini hat die Dresdnerin vor zwei Jahren ihren Traum wahr gemacht. Sie ist als Einzelunternehmerin selbstständig. Vorher war die 41-Jährige arbeitslos, weil ihr Arbeitsplatz bei einer Dresdner Wohnungsgesellschaft weggefallen war.

Mit so einer Biografie ist Birgit Leser bei Weitem kein Einzelfall. Vom Investment-Banker zum Würstchenverkäufer – mit diesem Schritt hat Thomas Brauße es geschafft, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen. In Sichtweite vom Bürohochhaus, wo er früher mit Millionen jonglierte, grillt er heute Currywürste in einem umgebauten Linienbus. Nachdem er in der Finanzkrise den Job als Broker verlor, machte er sich selbstständig und eröffnete die „Worschtbörse“ am Messeturm in Frankfurt. Zwei Beispiele, die Vorbild für andere Arbeitslose sein können. So ein Schritt will aber gut überlegt sein. Denn längst nicht jeder ehemalige Angestellte ist zum Geschäftsmann geboren.

Die Entlassung als Glücksfall

Als sein Arbeitgeber Ende 2008 die Niederlassung in Frankfurt dichtmachte, war das für Brauße ein Schock. „Die Kündigung kam kurz vor Weihnachten, das war eine heftige Sache“, erzählt der 44-Jährige. Nach zwölf Jahren in einem Job, in dem er zuletzt ein sechsstelliges Jahresgehalt verdiente, plagten ihn plötzlich Existenzängste. Heute sieht er die Entlassung als Glücksfall: „Ich bin zufriedener als früher, weil ich mich mehr mit meinem Job identifizieren kann.“ Das sagt auch Birgit Leser von sich. Für sie ist es einfach schön, wenn sich andere Menschen freuen, wenn sie ihnen Zufriedenheit bescheren kann.

Das Motto „Wenn mich meine Firma nicht mehr will, gründe ich eben selbst eine“, ist aber nicht jedem Arbeitslosen zu empfehlen. Sich nur aus Not selbstständig zu machen und nach einer Entlassung spontan ein eigenes Geschäftsmodell aus dem Boden zu stampfen, ist wenig erfolgversprechend.

Firmengründer bräuchten als Erstes eine gute Geschäftsidee, sagt Jürgen Mehnert von der Handelskammer Hamburg. Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, garantiere noch keinen Geschäftserfolg. Wer ein Restaurant aufmacht, nur weil er gerne kocht, ziehe damit noch lange keine Gäste an. Um davon leben zu können, müsse ein Produkt her, das einen Kundennutzen hat, sagt Mehnert. „Man muss sich fragen: Ist ein Markt dafür vorhanden?“ Die Dresdner Wünsche-Erfüllerin hat das in einem Existenzgründerseminar bei Sax Concept 21 herausgefunden. In der sächsischen Landeshauptstadt gibt es noch eine ähnliche Agentur, aber der Bedarf, so die fachmännische Analyse, verträgt eine zweite am Markt. Und die Entscheidung war richtig: Dschini hat sich behauptet.

Wo ist die Marktlücke?

Auch der Ex-Banker Brauße hatte sich schon früher darüber geärgert, dass zwischen all den Hochhäusern rund um seine alte Arbeitsstätte in Frankfurt eine bodenständige Imbissbude fehlte. Er scheint tatsächlich eine Marktlücke gefunden zu haben: Mit seinem Imbiss habe er nach einem dreiviertel Jahr schon so viel eingenommen, wie er für das ganze erste Jahr eingeplant hatte, erzählt er.

Zwar könne nicht jeder eine völlig neue Idee aus dem Hut zaubern, meint Mehnert. Wer aber einen Blumenladen oder Copyshop eröffnet, wie es ihn bereits zigfach im Ort gibt, scheitert wahrscheinlich schnell. „Wenn er sich nicht abhebt von den anderen, wird er es schwerhaben.“ Gründer sollten eine Konkurrenzanalyse machen und sich fragen: Wie kann ich mich von anderen absetzen? Was kann ich besser machen?

Der nächste Schritt ist ein umfassender Businessplan. Dabei muss das Projekt durchgerechnet und realistisch eingeschätzt werden, wann die eigene Firma Gewinn abwirft. „Planen Sie eine angemessene Anlaufzeit ein“, sagt Mehnert. Ein Webdesigner etwa müsse damit rechnen, dass einige Monate vergehen, bis er den ersten Auftrag in der Tasche hat. „Und dann dauert es noch einmal einige Wochen, bis das erste Geld da ist.“

Außerdem sollten Arbeitslose sich rechtzeitig um Fördermittel kümmern, wenn sie sich selbstständig machen. Für die erste Zeit könnten sie den sogenannten Gründungszuschuss beantragen, sagt Mehnert. Und für nötige Investitionen, etwa für das Einrichten eines Friseursalons, gebe es Förderkredite der KfW-Bank.

Gründer können einen Zuschuss für neun Monate in Höhe des Arbeitslosengeldes plus monatlich 300 Euro erhalten. Die 300 Euro können für weitere sechs Monate gewährt werden, erläutert die Bundesagentur für Arbeit. Vorher muss eine fachkundige Stelle die Gründungsidee als tragfähig einstufen. Das können Handels- oder Handwerkskammern, aber auch Fachverbände und Kreditinstitute sein.

70-Stunden-Job in der Woche

Ob Arbeitslose als Gründer taugen, ist auch eine Typfrage: Dazu bräuchten sie Mut zum Risiko und Stehvermögen, erläutert der Businesstrainer Michael Fridrich aus Aachen. Auch dürften sie sich nicht vor der Kundenakquise scheuen. „Wer sagt: Verkaufen ist nicht so mein Ding, ist nicht dafür geeignet.“ Kaufmännisches Denken sei ebenfalls nötig, sagt Mehnert: „Ein Hobbykoch versteht nicht unbedingt etwas vom Wareneinkauf.“ Das Entscheidende sei aber die Einstellung, sagt Fridrich. „Man muss brennen.“

Denn in den ersten Jahren seien Wochenarbeitszeiten von 60 bis 70 Stunden für Selbstständige keine Ausnahme, so die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Thomas Brauße kann das bestätigten: „Selbstständig sein heißt eben: Man arbeitet selbst, und das ständig.“ Seine Bilanz ist dennoch positiv: „Ich bereue den Schritt auf keinen Fall.“

SZ/Tobias Schormann, dpa



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